Mit gelben Säcken meine ich keine Chinesen

Seit zehn Jahren habe ich jetzt schon ein Profil auf der wohl bekanntesten aller Onlineseuchen des Worldwidewebs und weil ich eine Geisel meiner Internetsucht bin, kann ich es auch nicht lassen, mich dort und in einer Vielzahl anderer sozialer Netzwerke herumzutreiben, und das, obwohl mich die Mentalität der meisten Menschen dort regelmäßig abfuckt.

Es gibt doch für jede Stadt und jedes noch so unbekannte Kaff diese „Du bist…, wenn…“-Gruppen. Kennt Ihr sicher. Und wenn nicht, entgeht Euch, neben wenigen nützlichen Informationen, wie zum Beispiel dem Suchen und Finden diverser Haustiere, nichts. Es sei denn Ihr steht auf Verschwendung von Lebenszeit und eine schnell chronisch werdende Form von ausgewachsener Hirnschmelze.

Der Stadtteil, in dem ich wohne, nennen wir ihn hier mal liebevoll das Dorf, hat auch so eine Gruppe. Und ja, ich bin da drin. Vermutlich, weil ich eine sadomasochistische Veranlagung habe und es unbewusst mag, wenn mein Hirn schmilzt. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Und gestern war es dann wieder soweit. Die Uschi (Name von der Redaktion geändert) sorgt sich um das Wohl der Allgemeinheit, weil ein Mann schon zwei Wochen auf einem Parkplatz in seinem PKW, genauer gesagt einem Transit, kampiert und der laut Uschi seinen Müll in die Gegend schmeißt und in den nahegelegenen Park pinkelt. Der Mann, nicht der Transit.

Ich muss mir unweigerlich vorstellen, wie die Uschi versucht, sich im Park hinter kahlen Büschen und Bäumen zu verstecken, um den Mann dabei zu ertappen, wie er sein Geschlechtsteil aus der Hose in die winterliche Kälte zerrt, weil er verständlicherweise nicht in sein Auto urinieren möchte.

Uschis weltbewegende Informationen bleiben natürlich nicht lange ungelesen, was die Uschi ja auch gar nicht will, und es dauerte keine dreißig Sekunden bis jemand schreibt, was ich denke, nämlich, wo zum Henker das Problem sei?

Uschi wiederholt das bereits Geschriebene fast eins zu eins und man kann ihr Unverständnis über das Unverständnis förmlich schmecken. Dass der seinen Müll da entsorgt und in den Park pinkelt, findet die Uschi eben nicht gut. Das Wohnen im PKW auch nicht. „Da muss mal das Ordnungsamt vorbei!“, meint Uschi.

Wenn was im Argen sei, wäre das Ordnungsamt schon längst aktiv geworden, meint eines der Oppositionsmitglieder. Der Müll sei nämlich nicht von ihm, der sei von den Jugendlichen oder so, die sich da so gelegentlich herumtreiben. Daraufhin melden sich Hundebesitzer zu Wort und teilen mit, zu welchen Uhrzeiten sie ihn beim Gassigehen dort haben stehen sehen und wann nicht. Er sei ein Netter und er tue doch niemandem etwas, indem er in seinem Auto wohne, schreibt jemand, der offensichtlich bereits persönlichen Kontakt hatte.

„Noch nicht!“, denkt die Uschi bestimmt, schreibt es aber nicht. Doch ich kann es fühlen, dass sie das denkt. Wer auf einem Parkplatz in seinem Auto lebt, frisst nämlich kleine Kinder und wärmt sich mit deren Großmüttern den nackten Hintern. Ich kann quasi denken, wie die Uschi denkt. Wie so ein Profiler in amerikanischen Psychothrillern.

Aber weiter im Stück: Als nächstes wird vom größten Dorfquerulanten aus der Gruppe relativ neutral angemerkt, dass das ja sowieso ein Parkplatz für Wohnmobile sei und diskutiert, ob und wie lange er dann da stehen dürfe. Und solange er den Wagen regelmäßig bewege, gehe das klar. Das Ordnungsamt kontrolliert bei sowas wohl den Reifenstand oder so ähnlich und sieht, wenn jemand länger steht, als erlaubt. Dann erst gibt es Ärger, vorher nicht.

Das ist mal eine nützliche Information, denke ich – für den Fall, dass mich meine Frau irgendwann wegen angeborener Faulheit aus dem Haus schmeißt und ich gezwungen bin mit dem Transit-Mann eine Siedlung zu gründen. Ich wundere mich ein wenig, dass der lauteste Brüllaffe dieser Gruppe bei diesem Thema so zahm bleibt und vermute, dass es eine Form von männlicher Rudelsolidarität sein muss.

Für Uschi geht das alles gar nicht klar. Schließlich handelt es sich nicht um ein Wohnmobil, sondern um einen PKW und da sei das nun mal VER-BO-TEN. Sie schreibt es nicht so wie ich, aber ich bin mir sicher, sie würde es so aussprechen. Und das scheint tatsächlich Uschis größtes Problem zu sein. Es ist verboten und deswegen darf es nicht sein. Der Uschi geht es ums Prinzip.

Verboten, tz. Ich finde ja, dass es verboten sein sollte, der Uschi eine virtuelle Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung zu gewähren. Weil es aber verboten ist, der Uschi das zu verbieten, konnte ich mich zum ersten Mal nicht zusammenreißen und musste auch meinen Senf dazu geben, um der Uschi unterschwellig und intelligent zu vermitteln, wie doof ich sie finde.

„Vermutlich hat der auch die ganzen gelben Säcke im Dorf geklaut.“, schreibe ich in Ironisch. Das tue ich, weil unter anderem dieses Thema sämtliche Uschis und Uschimänner der Gruppe bereits mehrere Wochen bewegt. Ein anderes Thema sind die neuen Rolltonnen, ebenso heiß diskutiert.

Die gelben Säcke hätten wir also abgehakt. Die Rolltonnenthematik kriege ich auch noch eingeschleust. Dann haben die alles, was gerade in ihrem langweiligen Leben für Abwechslung sorgt in einem einzigen Beitrag und können sich richtig austoben, ganz zu Schweigen von der möglichen Zeitersparnis, die ich ihnen damit biete. Tolle Idee oder?

Ich muss nicht lange auf die passende Vorlage warten. Uschi selbst schenkt mir zwar einen Daumenhoch, was mich annehmen lässt, dass sie kein Ironisch lesen kann, aber alsbald grätscht Uschis Co-Uschi in diesen ungewollt harmonischen Moment und meint, dass der Transit-Mann die gelben Säcke nicht geklaut haben könne, denn sonst würde er seinen Müll ja nicht in die Gegend werfen. Daraufhin stelle ich die Frage in den Raum, wo er denn sonst mit seinem Müll hin soll, die blöden Rolltonnen passen doch in keinen PKW.

Tusch!

Da besorgte Bürger in der Regel humorbefreit sind und mich höchstwahrscheinlich ebensowenig verstehen, wie ich sie, werde ich natürlich direkt richtig hart angezickt. Ich weine jetzt noch. Vielleicht ist es aber auch meine geschmolzene Hirnmasse, die mir aus den Augenwinkeln rinnt. Da bin ich mir gerade nicht so sicher.

Gedankt hat mir übrigens niemand für die geniale Symbiose sämtlicher Themen, die das Dorf bewegen, und als ich den Beitrag vorhin zu Recherchezwecken nochmal aufrufen wollte, war er nicht mehr da. Das ganze Unverständnis war der Uschi wohl zu blöd. Vielleicht war sie auch ein wenig enttäuscht, dass sich kein wütender Mob zusammenrotten wollte, um den Störenfried zu vertreiben. Schade, wo es mir doch gerade anfing Spaß zu machen.

Im Ernst, sollte mich irgendwann im Morgengrauen, wenn ich nach einer durchzechten Nacht den Weg nach Hause wieder nicht finde beim Joggen bin, so eine Uschi hinterrücks anfallen und beißen, weil sie vielleicht denkt, dass ich ihr die frisch ausgeteilten gelben Säcke klauen will, und ich dann durch den Uschibiss so walkingdeadmäßig selbst zu einer Uschi werde, die dann in irgendwelchen Gruppen ihr vor Unwichtigkeit maximal bis zum Ortsschild stinkendes Meinungswürstchen rausdrückt, während die große Welt langsam zu einem überdimensionalen Kackhaufen verkommt, dann erschießt mich bitte. Zur Not tut es auch ein Kantholz.

Ich bin übrigens gespannt, wann hier die erste Dame mit dem Namen Uschi schreibt und mich verbal steinigt, weil ich den Namen Uschi so verunglimpfe. An dem Namen Uschi habe ich absolut nichts auszusetzen, vielmehr am Uschisein und das kann man auch, wenn man Petra, Claudia oder Hans-Günther heißt. Uschi heißen ist voll in Ordnung, auch wenn es jetzt nicht der favorisierte Name für eines meiner zahlreichen nicht vorhandenen Kinder wäre. Ein Tier fällt mir jetzt spontan auch nicht ein, welches ich so nennen würde. Obwohl, bei so einer ausgewachsenen englischen Bulldogge wäre das schon irgendwie lustig, vor allem wenn es ein Rüde ist.

Tusch!

 

Advertisements

Verrückt! Schlicht und ergreifend verrückt.

Da habe ich über Jahre Tagebuch geschrieben, damals noch so richtig, mit Stift und auf Papier, als das Wort Bloggen vermutlich noch gar nicht existent war, und über diesen einen Tag, diesen einen Augenblick, der mir mein ganzes restliches Leben so wichtig geblieben ist, der mich gewissermaßen hat überleben lassen, über diesen Tag habe ich nie etwas geschrieben? Kann das wirklich sein? Es gab immer mal Tage und Monate der Schreibflaute. Kann es tatsächlich sein, dass ich die wichtigste Erinnerung in meinem Leben nur auf die Innenwände meiner Hirnrinde gekritzelt habe?

Ich fasse es nicht und glaube es auch nicht, aber nach zweifachem Durchblättern der Tagebücher aus dem möglichen Zeitraum, habe ich nur einen Hinweis auf dieses Ereignis gefunden, aber nicht das Ereignis selbst. Das schmeckt mir ebensowenig wie der billige Whiskey, den ich dachte zu brauchen, um mit dem fertig zu werden, was mir auf der Suche in diesem Teil meines Lebens begegnen würde.

Tatsächlich ist mir beim Überfliegen schon so Einiges begegnet und was fast genauso schlimm ist, wie der verschwundene Tag, ist die Tatsache, dass ich mich an manche Ereignisse, die ich schriftlich festgehalten habe, gar nicht mehr erinnern kann. Nein, es ist nicht fast genauso schlimm, es ist weitaus schlimmer. Ich habe Momente zwischen uns vergessen, die wunderbar und unglaublich waren, die mir wichtig waren, die mein Lebensglück waren, die alles für mich waren. Jetzt lese ich davon, schlucke und kämpfe mit den Tränen, weil alle so herzzerreißend ist, aber ganz im Gegensatz zu diesem einen Moment, der unvergeßlich bleibt, aber nie auf Papier konserviert wurde, sind manche der auf Papier konservierten Momente einfach aus meiner Erinnerung verschwunden.

Es ist, als lese ich die Geschichte eines Anderen.
Verrückt.

Drei, zwei, eins, null

„Man soll das Neue Jahr nicht mit Programmen
beladen wie ein krankes Pferd,
wenn man es all zu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,
um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich schrecklich zu bemüh’n
und schließlich hat man den Salat.

Es nützt nicht viel, sich rot zu schämen,
es nützt nichts und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm und bessert euch drauflos.“

Erich Kästner

Von der Mitte des Lebens und von einer geplanten Rebellion mit Reis, die niemals stattfand

Das muss sie sein, die berühmteste aller Lebenskrisen, die Krise unter den Krisen, die im mittleren Alter ganz urplötzlich zuschlägt.

Eine aller Wildheit entwachsene und beständige Beziehung, verlässliche Freunde, eine solide Arbeit mit ausreichendem monatlichen Einkommen, Haus, Auto, Urlaub mit gelegentlichen Reisen außerhalb Europas, nicht rundum gesund, aber auch noch nicht tot – alles gute Vorraussetzungen, damit es noch ein paar Jahrzehnte relativ problemlos so weiter geht, zumindest was die eben aufgezählten Faktoren angeht. Und das ist das Problem an der Problemlosigkeit. Es ist so verflucht absehbar.

Mein Körper wird nicht mehr jünger und was jetzt hängt, hängt morgen nur noch tiefer. Ich werde kein Pianist mehr, ich werde kein Künstler mehr, ich werde kein Schauspieler mehr, ich werde kein Frauenheld mehr, ich werde weder reich noch berühmt, ich wandere auch nicht mehr ins Ausland aus, ich schreibe wahrscheinlich nicht einmal mehr ein Buch, auch wenn das der einzige Traum ist, den ich noch nicht vollkommen aufgegeben habe.

Nichts von all dem was ich werden wollte bin ich geworden. Geworden bin ich stattdessen was ich niemals werden wollte. Langweilig und unsichtbar. Letzteres ist Fluch und Segen zugleich, aber das würde jetzt den Jammer-Rahmen sprengen.

Irgendwann hat das Außen das Innen altersmäßig überholt und was anfangs noch nicht ins Gewicht fiel, hat jetzt sichtbares Übergewicht. Die Altersdiskrepanz ist mittlerweile so groß, dass mein Körper großelterliche Gefühle für mein Innenleben hegt. Innen möchte ich noch die ganze Welt verändern, außen fällt es mir manchmal schon schwer, die Pyjamahose gegen eine Jogginghose zu tauschen.

„Genug war früher nie genug für mich. Heute ist mir nichts schon viel zu viel.“, singt Faber in einem seiner Lieder. Treffender könnte ich es gar nicht beschreiben.

„Das kann doch nicht alles sein!“, protestiert mein innerer Peter Pan und möchte losfliegen, während ich mich ächzend mit morgendlich steifen Gelenken treppabwärts Richtung Küche bewege, um mir einen weiteren Kaffee zu holen, obwohl mir mein Magen schon die erste Tasse nicht verzeiht. Ich bin gerade mal einundvierzig und fühle mich bereits dreißig Jahre älter. Das ist doch scheiße!

Gleich fahren wir in ein schwedisches Möbelhaus und kaufen Dinge, die wir gar nicht wirklich brauchen, um weiter einen Grund zu haben, uns über das viele Zeug zu beschweren, welches sich im Laufe der Zeit ansammelt. Dann werde ich dort etwas essen, obwohl ich keinen Hunger habe, damit ich auch weiterhin einen Grund habe, mich über das Fett zu beschweren, welches mir mehr und mehr die Sicht zu meinem Geschlechtsteil versperrt.

Vielleicht aber mache ich auch irgendwas total Verrücktes, springe in der Bettenabteilung von Matratze zu Matratze, ziehe mich im Badezimmer einer Musterwohnung aus und steige unter die Musterdusche (Mustertoiletten sind ja mittlerweile gesichert), bewerfe irgendjemanden mit Gemüsebällchen oder, jetzt wird es vollkommen absurd, wechsle einfach mal die Beilage, esse Reis statt der üblichen Pommes und stelle damit die Welt ein wenig auf den Kopf. Meine Welt zumindest, denn ich mag Pommes viel lieber als Reis. (Durch Reis verdiene ich zur Zeit meinen Lebensunterhalt und brauche in deshalb nicht auch noch in meiner Freizeit. Jetzt fragt ihr euch sicher alle, wo der liebe Rocko wohl arbeitet. Ich werdet es niemals erraten.) Wenn ich danach noch Energie habe, setze ich noch eins drauf und lasse einfach das Tablett mit dem schmutzigen Geschirr auf dem Tisch sehen. Die Rebellion des Rocko Kakoschke.

Eine Stunde später.

Wir sind nicht in besagtes Möbelhaus gefahren und haben stattdessen im Supermarkt gegenüber lauter Lebensmittel gekauft, die wir nicht brauchten, was irgendwie in die selbe Richtung geht, besonders bezüglich des Sichtverhältnisses zu meinem Geschlechtsteil. Essen, der Sex des Alters. Ist nicht nur ein Mythos, lasst es euch gesagt sein.

Der glatte Boden im Supermarkt animierte mich, durch den Süßigkeitengang zu schlittern. Und mit einer mißlungenen Pirouette wäre ich fast in das Schokoladenregal gekracht. Mission ungewollt erfüllt, würde ich sagen. Ich gebe zu, es wäre weitaus spektakulärer gewesen, wäre ich tatsächlich in das Schokoladenregal gekracht. Es ist also definitiv noch Luft nach oben, was den Richtungswechsel in meinem Leben angeht und somit scheinbar nicht vollkommen aussichtslos. Der Anfang ist gemacht. Vielleicht schreibe ich ja wirklich noch ein Buch.

Rocko rockt den Supermarkt des Lebens. Und ihr werdet alle dabei sein. Irgendwann.
Bis dahin passiert erstmal… Weiterlesen „Von der Mitte des Lebens und von einer geplanten Rebellion mit Reis, die niemals stattfand“

Der Typ

Ich war damals elf und da war dieser Typ mit der Boa im Keller. Er hatte irgendwie keinen richtigen Namen, jedenfalls nicht für uns Kinder. Wir nannten ihn einfach der Typ, weil es einfacher war und weil wir uns verdammt lässig und verwegen vorkamen, wenn wir einfach nur der Typ sagten.

Der Typ war irgendwie schon immer da, wirkte leicht angeschmuddelt und roch wie Wäsche, die man zu feucht in den Kleiderschrank getan hatte und die stockig geworden war. Ich stellte mir vor, dass es gar nicht an den Klamotten lag, die er trug, sondern an ihm selbst und malte mir aus, dass er sich nach dem Baden statt ins Bett oder aufs Sofa nass in den Kleiderschrank legte zum Schlafen. Den Gedanken fand ich irgendwie ganz prima, auch wenn ich wusste, dass ich mir das nur ausgedacht hatte und er nur in meinem Kopf in einem Kleiderschrank schlief und nicht wirklich.

Er hatte die Wohnung über uns, aber lebte mehr in dem zur Wohnung gehörenden Kellerverschlag, der sich schräg gegenüber unseres Verschlages befand. Dass er mehr im Keller war, als in seiner Wohnung, wusste ich, weil ich ihm mindestens dreimal am Tag begegnete. Morgens, wenn ich zur Schule rannte und er in den Keller ging – ich rannte immer, weil ich immer zu spät dran war – abends, wenn ich mit unserem fetten Dackel Rödel – eigentlich Rolf – nochmal vor die Tür musste und er aus dem Keller kam und dazwischen, wenn Mutti mich in den Keller schickte, um Eingemachtes oder Kartoffeln hoch zu holen. Dann saß er meinstens in seinem Kellerverschlag, den Rücken zu den vernagelten Sperrholzbrettern, die eine Tür miemten, aber den Keller eher aussehen ließen, wie einen überirdischgroßen Karnickelstall, und machte einen beschäftigten Eindruck.

Er nickte bei jeder Begegnung immer ausdruckslos, sagte aber nie etwas. Selbst im Keller, schielte er über seine linke Schulter hinweg durch die Sperrholzbretter, warf mir einen kaum merklichen Blick zu, wenn er mich hörte und nickte. Es hatte etwas von Verschwörung, als teilten er und ich ein Geheimnis, etwas von dem nur wir beide wussten und das seinerseits mit einem verschwörerischen Nicken regelmäßig besiegelt wurde. Allerdings machte er es auch bei anderen Leuten und wahrscheinlich hatte in all den Jahren niemand ein einziges Mal seine Stimme gehört.

Ich fragte mich manchmal, wie er wohl beim Bäcker Brötchen holte oder Telefongespräche führte und stellte mir vor, dass ich ein Bildtelefon besaß – so eines wie in Agentenfilmen, worüber die Agenten immer Aufträge erhalten von jemanden, dessen Kopf im Fernsehen nie zu sehen ist. Mit so einem Ding könnte ich ihn dann anrufen und er könnte nicken, so wie er es immer tat. So ein Bildtelefon wäre schon eine tolle Sache gewesen, aber ich beschloß, dass das eine meiner blödesten Fantasien war, denn ich hätte ihn nie angerufen, auch nicht mit Bildtelefon.

Mutti sagte immer, dass sie dem nicht im Dunkeln begegnen wolle und ich solle auf mich acht geben und nicht mit ihm mitgehen, wenn er mich anspräche. Ich sah da allerdings keine Gefahr, denn er sprach ja nie. Er nickt nur, er lief die Treppen runter und rauf und er saß in seinem Keller und tat irgendetwas und nickte.

Vati sagte, er repariere dort alte Radios und Fernseher und verdiene sich so seinen Lebensunterhalt. Woher Vati das wusste, weiß ich nicht, aber ich hatte ihn auch nie gefragt. Möglicherweise war es nur eine Vermutung, die ich, so oft ich den Typen im Keller schon gesehen hatte, nicht hätte bestätigen können, da er immer so saß, dass ich nichts erkennen konnte – abgesehen von seinem angedeuteten Nicken. Und wenn er nicht dort saß, was sehr selten vorkam, war sein Keller von innen mit einem speckigen Segeltuch verhangen, so dass sich nichts in Erfahrung bringen lies.

© Rocko Kakoschke

Fortsetzung folgt … vielleicht eines schönen Tages!

S.

Während meiner Zeit in Indonesien schriebst Du mir eine Nachricht.

Wie es Dich freut, dass ich glücklich zu sein scheine, Du meine Beiträge verfolgst, ich das alles verdient habe und Du es mir von ganzem Herzen gönnst.

Ich war überglücklich über Deine Nachricht nach all den Jahren, antwortete Dir, dass ich gerade unterwegs sei und vertröstete Dich auf später. Ich wollte Dir schreiben, aber hatte Dir so unendlich viel zu erzählen, dass ich es ewig vor mir her schob. Ich wartete auf den richtigen Moment, die Muße, um die letzten Jahre zusammenzufassen, das Leben, welches mehr ein Über-Leben ist. Glück ja, aber immer wieder hart erkämpft. Wenn sich Steine auf die Seele legen, ist die Schwerkraft der größte Feind.

Tag um Tag verging. Woche um Woche. Monate.

Anfang dieses Monats bist Du gestorben. Krebs. Ich wusste nicht, dass Du krank warst und dass es Abschiedsworte waren, die Du mir schriebst. Jetzt lese ich Deine Nachricht mit anderen Augen und mache dem Leben Vorwürfe, dass es mir nicht die Möglichkeit gelassen hat, Dich noch einmal in der Arm zu nehmen.

So oft habe ich an Dich gedacht, mir vorgenommen, mich bei Dir zu melden und Dir aus meinem Leben zu erzählen. Ich wollte so gerne Deinen Mann kennenlernen, weil ich neugierig war, wissen wollte, ob er ihm vielleicht ähnlich ist. Ihn, den wir beide so sehr geliebt haben. Ihn, dessen Taschentuch ich an meinem Rucksack zu Fuß durch halb Spanien getragen habe, um es am Cruz de Ferro zurück zu lassen, in der Hoffnung, ich könnte auch ihn dort zurück lassen.

Davon wollte ich Dir erzählen. Nur wir beide, bei einem Bier, wie früher. Ich wollte Dir erzählen, dass es vielleicht ein Leben ohne ihn gibt, aber es dieses Leben für mich niemals gab. Und ich hätte Dir mein Leben gerne gezeigt. Diese hässliche Stadt in der ich seit Jahren wohne, aber die mittlerweile mein zu Hause ist, der Stadtteil mit seinem schönen Schlosspark, unser kleines Häuschen, die tapfere Frau an meiner Seite, die mit mir gegen die Schwerkraft kämpft, weil sie mich liebt, und das, obwohl der Großteil all meiner verfügbaren Liebe auf ewig von der Vergangenheit verschluckt wird.

Das kann ich nun nicht mehr tun und es kommt regelmäßig zu diesem kurzen Moment, Sekunden nur, in denen mich diese Erkenntnis wie ein Keulenschlag hinterrücks zu Boden knüppelt, mir damit die Luft aus dem Lungen presst und mich vollkommen fassungslos macht. Ein Stein mehr auf meiner Seele und das Gefühl, ihn mit Dir noch ein Stück mehr verloren zu haben.

Ich habe überlegt, zu Deiner Beerdigung zu fahren, aber habe mich dann dagegen entschieden. Du bist längst woanders. Alles was und jeden den ich dort vorgefunden hätte, wollte ich nicht sehen. Von Dir verabschieden kann ich mich überall auf dieser Welt. Irgendwann werde ich wieder zu Fuß Spanien durchqueren und dann nehme ich Dich mit zum Cruz de Ferro.

Ob sich für Dich das erfüllt hat, wonach ich mich seit bald neunzehn Jahren sehne? Irgendwann werde ich es erfahren. Bis dahin kämpfe ich weiter gegen die Schwerkraft, halte die Stellung, gebe nicht auf, versuche die Steine von meiner Seele zu schütteln, wie Staub aus einem alten Tischtuch. Das bin ich Euch schuldig – Dir und ihm.

Jeder Tag ist so verdammt kostbar. Immer wieder die selbe Lektion. Das Leben ist selten fair, aber dafür umso lehrreicher. Doch ich bin ein schlechter Schüler. Was ich heute weiß, habe ich morgen schon wieder vergessen und statt zu leben überlebe ich weiter am Leben vorbei, warte auf den richtige Moment, um ihn am Ende zu verpassen.

Vielleicht aber ist einfach alles eine Frage der Wiederholungen, so wie damals, beim kleinen Einmaleins. Das habe ich schließlich auch gelernt und kann es noch heute.